Die Corona-Pandemie im Niger

Jeder versucht, entsprechend seiner eigenen Fähigkeiten zu helfen. Meinungen und Methoden mögen verschieden sein, aber ich glaube, dass tief im Inneren unser gemeinsames Interesse das Wohlergehen für alle ist.

Eine Geschichte von Boubacar Amadou Samiratou. Übersetzt von Veronica Burgstaller
Niger, Western Africa
Veröffentlicht am 2. Juni 2020

Lesedauer: 4 Minuten

Diese Geschichte ist auch verfügbar in GB fr



Vor der Entdeckung des ersten Falles in meinem Land verfolgte ich die Nachrichten über die weltweite Entwicklung der Pandemie nur geistesabwesend. Ich redete mir ein, dass wir in einem abgelegenen Land wie Niger nichts zu fürchten haben. Obwohl ich mit der Notlage anderer mitfühlte, betete ich, dass mein Land nicht betroffen sein würde.

Ich plante die folgenden Wochen mit großem Enthusiasmus und füllte meinen Terminkalender mit Aktivitäten, die größtenteils im Zusammenhang mit unserer unserer Gesellschaft für junge Frauen in der Medizin bestanden. Wir hatten einen Ausflug für Kinder mit Downsyndrom programmiert und alles war vorbereitet. Aber dann wurde eine Woche vor dem Ausflug gesetzlich verboten, sich in Gruppen von mehr als 50 Personen auf öffentlichen Plätzen zu versammeln und das Nationalmuseum, das wir uns für den Ausflug ausgesucht hatten, wurde geschlossen.

Ich hatte die Angewohnheit, früh aus dem Haus zu gehen und abends gegen 20 Uhr zurück zu sein. Mein Tag war normalerweise gefüllt mit verschiedenen Aktivitäten - Treffen, Schulungen, Seminare usw. Mir war nie langweilig, denn ich hatte immer etwas zu tun. Es war anstrengend, aber ich fühlte mich nützlich, denn ich tat etwas für meine Gemeinschaft.

Tage, an denen ich nicht ausging, waren selten. Wenn ich nicht gerade einer dieser Aktivitäten nachging, fand man mich im Krankenhaus bei meiner Sammlung von Gliedmaßenamputationen (solche Amputationen gibt es nicht viel und vor der Pandemie hatte ich nur drei). Da ich in meinem Studium eine so genannte 'prospektive Studie'[1] gewählt habe, kann ich schon beginnen, meine Thesis zu schreiben, bevor das eigentliche Abschlussjahr (ich bin im sechsten Jahr, und man muss normalerweise bis zum achten Jahr warten, um seine Thesis schreiben und die 'retrospektiven' Studien unterstützen zu können, aber Studenten die ein 'prospektive Studium folgen, wie ich, können ab dem fünften Jahr beginnen). 

Nach dem ersten Fall von COVID-19 wurde ein weiterer Fall post-mortem diagnostiziert und die Studenten-Praktikanten wurden zu ihnen geschickt. Diejenigen, die mit der Krankheit in Kontakt waren, mussten in Quarantäne gehen. Der Zugang zum Krankenhaus ist auf Patienten und Personal beschränkt, was bedeutete, dass ich mit meiner Sammlung für meine Diplomarbeit nicht mehr fortführen konnte. Ich kann auch nicht mehr zu meinen Treffen gehen und nur über WhatsApp mit den anderen Mitgliedern Kontakt haben.

Da ich nicht mehr rausgehen kann, mache ich andere über meine sozialen Medien, insbesondere über Facebook, auf den Virus aufmerksam. Ich tue dies, weil einige der Menschen hier in Niger nicht glauben, dass das Virus existiert. Obwohl 943 Fälle bestätigt wurden, 775 Menschen genesen und 61 Menschen verstorben sind, verstehen einige Menschen die Situation nicht, vor allem diejenigen, die die Maßnahmen der Behörden, wie die Schließung der Moscheen, während Märkte und andere Einrichtungen geöffnet bleiben, ablehnen. Dies führt zu Unruhen innerhalb des Landes sowie in der Hauptstadt Niamey, wo die kollektiven Gebete mit Tränengas aufgelöst werden mussten.[2] Nur die Moscheen, meine Schule und Universitäten wurden geschlossen.

Einige junge Leute verteilten Händedesinfektionsmittle an diejenigen, die sich dafür angemeldet hatten, während andere ärmere Haushalte, die keinen Zugang zu sozialen Medien und Informationen haben, erklärten, was gerade geschah, indem sie von Tür zu Tür gingen. Jeder versucht, entsprechend seiner eigenen Fähigkeiten zu helfen. Meinungen und Methoden mögen verschieden sein, aber ich glaube, dass tief im Inneren unser gemeinsames Interesse das Wohlergehen für alle ist.


Fußnoten

[1] In der Medizin bedeutet eine "prospektive" Studie, dass man eine Gruppe von Probanden beobachtet, wie sie sich deren Benehmen im Laufe der Zeit ändert (z. B. die Amputation von Gliedmaßen bei Patienten); anders als bei "retrospektiven" Studien, bei denen man untersucht, was in der Vergangenheit passiert ist.

[2] NewStraitsTimes (Apr 20, 2020), “Riots erupt in Niger capital over Covid-19 curfew”: https://africa.la-croix.com/riots-in-niger-over-coronavirus-ban-on-congregational-prayer/


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Boubacar Amadou Samiratou

Boubacar Amadou Samiratou

Bonjour! Je suis Samiratou, étudiante en 6e année d'études médicales à l'Université de Niamey et détentrice d'un BTS en communication des entreprises. Présidente de l'association GEMS (Girls Engaged in Medicine and others Sciences), engagée dans plusieurs associations de jeunes dont les objectifs passent de l'autonomisation de la jeune fille, de la promotion des droits des jeunes, de la promotion de la planification familiale et actent tous pour un développement durable.

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