L: British Columbia forest fire drawn by Melaina at 8-years-old; R: Voting in 2020

Feuer, Flut und Wut: Für das Klima abstimmen

Ich gehöre zu der ersten Generation, die in der Klimakrise aufgewachsen ist. Meine umweltpolitische Reise begann mit Feuer.
United States, Northern America

Eine Geschichte von Melaina Dyck. Übersetzt von Veronica Burgstaller
Veröffentlicht am 29. November 2020.

Diese Geschichte ist auch verfügbar in GB ir ru tr



Wenn ich an Präsidentschaftswahlen denke, denke ich an Asche.

Am 9. November 2016 wachte ich benommen auf, erschöpft von den Verwüstungen der vorangegangenen Nacht.[1] Das erste, was ich wahrnahm, war der beißende Geruch von Rauch. Ich trat aus meiner winzigen, ebenerdigen Wohnung in Columbia, South Carolina, und wurde von einer aschigen Dunst ummantelt. Die Luft war dick mit Flocken von verbrannten Waldpartikeln aus dem westlichen Teil des Staates. Durch diese Luft fuhren hupenden Pick-up-Trucks, mit feierlichen "Make America great again"-Flaggen, die von ihren Stoßstangen flatterten.

Was für ein kosmischer Scherz ist das? Ich dachte. Waldbrände sollten in South Carolina nicht vorkommen.[2]

Der Herbst 2016 war das vorletzte Semester meines Bachelor-Studiums der Umweltwissenschaften. Ich war Studentin der Klimakrise und ihrer politischen Verstrickungen. Hurrikans brachten massive Überschwemmungen nach Columbia in den vergangenen vier Jahren, in denen ich dort lebte, zusammen mit Evakuierten von der Küste weiter östlich. Während generationenübergreifende Nachbarschaften von den Fluten aufgelöst wurden und Familien ihren vererbten Besitz verloren,[3] weigerten sich die Politiker in der Landeshauptstadt Columbia, den Begriff "Meeresspiegelanstieg" auch nur zu benutzen.[4] Nun brannte der Westen des Staates, während der Osten überflutet wurde, und Columbia füllte sich mit improvisierten Paraden, die die Wahl eines Klimaleugners feierten. Meine Verzweiflung und Enttäuschung entfachten eine stetige Wut, die seit diesem Tag brennt.

Passenderweise begann meine Reise als Umweltschützer mit dem Feuer.

Als Heranwachsender verbrachte ich die Sommer in British Columbia (BC), Kanada. Als ich acht Jahre alt war, verwüsteten Bergkiefernkäfer die Wälder von BC und hinterließen Schwaden von toten Bäumen. Diese trockenen Wälder waren Zunderbüchsen und in jenem Sommer wüteten Brände in der Region. Eines Nachts nahmen mich mein Vater und mein Onkel mit auf einen Hügel, und ich erblickte auf der anderen der Seeufer eine Fläche von wogende Flammen die bis zum Horizont reichten. Das machte mir Angst. Ich fragte mich auch, was man gegen diese Käfer tun könnte.

In der Highschool lernte ich, dass bis 2020 Hurrikane zahlreicher, massiver und nasser sein würden, während Waldbrände das ganze Jahr über brannten - wenn wir nichts unternahmen. Aber 2020 war zehn Jahre entfernt, und die Erwachsenen würden etwas tun, da war ich mir sicher.

In der Wahlnacht 2020 saß ich draußen vor einem Lagerfeuer, das meinem Freund und mir an einem kühlen Novemberabend Wärme spendete. Wir teilten unsere nervöse Vorfreude im Freien, denn angesichts der steigenden COVID-19-Fälle war es nicht sicher, mit Freunden drinnen zu sein. Wir überprüften ständig die Wahlkarte und hofften, dass mehr Staaten blau für die Demokraten und weniger rot für die Republikaner werden würden. Aber als das Lagerfeuer erlosch, wurde die Karte immer röter.

Der 4. November 2020 dämmerte klar, aber die Ungewissheit hing über allem wie die Asche von vier Jahren zuvor. In den nächsten Tagen wurden die Stimmen ausgezählt und die Karte wurde gerade noch blau genug. Im Jahr 2020 wählten die US-Wähler zum ersten Mal einen Kandidaten mit einem robusten Klimaplan.[5]

Ich gehöre zu der ersten Generation, die in der Klimakrise aufgewachsen ist. Für mich geht es bei den Wahlen um Brand und Asche, Hurrikane und Überschwemmungen. Meine Wut entzündet sich an den politischen Versäumnissen, die uns an diesen Punkt der Krise gebracht haben. Ich traue den Politikern nicht zu, dass sie ihre Pläne einhalten. Dennoch, als die Wahl 2020 endlich ausgerufen wurde, spürte ich einen Hauch von Hoffnung in der Novemberbrise. Auch das facht die Flamme an. Es gibt Arbeit zu tun.


Fußnoten

[1] Am 8. November 2016 wurde Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt.

[2] Unten auf der Seite befinden sich Informationen über das größte Waldfeuer in der Geschichte South Carolinas, das am Tag nach der Wahl 2016 brannte: 

https://www.state.sc.us/forest/firesign.htm#:~:text=The%20largest%20mountain%20wildfire%20on,was%20controlled%20on%20December%2016

[3] Emanzipation bezieht sich auf das Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, das durch die Emanzipationsproklamation am 22. September 1862 verkündet wurde.

[4] Der Anstieg des Meeresspiegels überflutet viele Küstengemeinden in South Carolina. Zu den ersten und am härtesten Betroffenen gehören Stadtteile mit überwiegender schwarzamerikanischer Bevölkerung, darunter auch solche, deren Familien seit dem Ende der Sklaverei Eigentum vererbt haben. Einige dieser Grundstücke fallen unter das sogenannte "Erbeigentum", bei dem Land über Generationen hinweg ohne ein gesetzliches Testament vererbt wurde. Erbeigentum ist oft von staatlicher Unterstützung ausgeschlossen, was zum Verlust von Wohlstand, aber auch von Gemeinschaftsbeziehungen führt. Für weitere Informationen siehe: Heir's Property Retention Coalition; Southern Environmental Law Center Broken Ground Podcast, insbesondere die Episode 'Uprooted'; Charleston Post & Courier Sea Level Rise and Land Slipping Away.

[5] Für weitere Details empfehle ich Bidens Klimaplan zu lesen oder und die Folge - 'How 2020 Became a climate election' des “How to Save a Planet”-Podcasts zu hören.


Was macht diese Geschichte mit dir?

Folge Uns auf Social Media

Unterhalte Dich über diese Geschichte

Please enable cookies to view the comments powered by Disqus.

Subscribe

Melde Dich an für unseren monatlichen Newsletter und bleibe up-to-date mit neuen Geschichten auf Correspondents of the World.

* indicates required

Melaina Dyck

Melaina Dyck

Melaina is passionate about the power of stories in order to create connection. Personally and professionally, she driven by the desire to meet people and learn new perspectives.

With a Masters in Environmental Science, Melaina works at the intersection of human rights and environmental issues, advocating for communities whose stories are not always heard. Melaina has had the opportunity to travel, live and study in 11 countries (so far!). 

Melaina enjoys the challenging art of editing and writing. She is Correspondents of the World Senior Editor and USA Country Manager. Correspondents of the World combines several of her favourite things: learning from diverse perspectives, connecting with people all over the world, and working with words to tell stories.

Send her an email ([email protected]) if you’d like to chat. She looks forward to meeting you! 

Mehr Geschichten auf Deutsch




Alle anzeigen

Mach mit

At Correspondents of the World, we want to contribute to a better understanding of one another in a world that seems to get smaller by the day - but somehow neglects to bring people closer together as well. We think that one of the most frequent reasons for misunderstanding and unnecessarily heated debates is that we don't really understand how each of us is affected differently by global issues.

Unser Ziel ist es, dies zu verbessern - und zwar mit jeder Geschichte, die wir teilen.

Teile Deine Geschichte

Community Weltweit

Correspondents of the World is not just this website, but also a great community of people from all over the world. While face-to-face meetings are difficult at the moment, our Facebook Community Group is THE place to be to meet other people invested in Correspondents of the World. We are currently running a series of online-tea talks to get to know each other better.

Werde Teil unserer Community

ERKUNDE THEMA Environment

Global Issues Through Local Eyes

We are Correspondents of the World, an online platform where people from all over the world share their personal stories in relation to global development. We try to collect stories from people of all ages and genders, people with different social and religious backgrounds and people with all kinds of political opinions in order to get a fuller picture of what is going on behind the big news.

Our Correspondents

At Correspondents of the World we invite everyone to share their own story. This means we don't have professional writers or skilled interviewers. We believe that this approach offers a whole new perspective on topics we normally only read about in the news - if at all.

Share Your Story

Our Editors

We acknowledge that the stories we collect will necessarily be biased. But so is news. Believing in the power of the narrative, our growing team of awesome editors helps correspondents to make sure that their story is strictly about their personal experience - and let that speak for itself.

Become an Editor

Vision

At Correspondents of the World, we want to contribute to a better understanding of one another in a world that seems to get smaller by the day - but somehow neglects to bring people closer together as well. We think that one of the most frequent reasons for misunderstanding and unnecessarily heated debates is that we don't really understand how each of us is affected differently by global issues.

Our aim is to change that with every personal story we share.

View Our Full Vision & Mission Statement

Topics

We believe in quality over quantity. To give ourselves a focus, we started out to collect personal stories that relate to our correspondents' experiences with six different global topics. However, these topics were selected to increase the likelihood that the stories of different correspondents will cover the same issues and therefore illuminate these issues from different perspectives - and not to exclude any stories. If you have a personal story relating to a global issue that's not covered by our topics, please still reach out to us! We definitely have some blind spots and are happy to revise our focus and introduce new topics at any point in time. 

Environment

Discussions about the environment often center on grim, impersonal figures. Among the numbers and warnings, it is easy to forget that all of these statistics actually also affect us - in very different ways. We believe that in order to understand the immensity of environmental topics and global climate change, we need the personal stories of our correspondents.

Gender and Sexuality

Gender is the assumption of a "normal". Unmet expectations of what is normal are a world-wide cause for violence. We hope that the stories of our correspondents will help us to better understand the effects of global developments related to gender and sexuality, and to reveal outdated concepts that have been reinforced for centuries.

Migration

Our correspondents write about migration because it is a deeply personal topic that is often dehumanized. People quickly become foreigners, refugees - a "they". But: we have always been migrating, and we always will. For millions of different reasons. By sharing personal stories about migration, we hope to re-humanize this global topic.

Liberation

We want to support the demand for justice by spotlighting the personal stories of people who seek liberation in all its different forms. Our correspondents share their individual experiences in creating equality. We hope that for some this will be an encouragement to continue their own struggle against inequality and oppression - and for some an encouragement to get involved.

Education

Education is the newest addition to our themes. We believe that education, not only formal but also informal, is one of the core aspects of just and equal society as well as social change. Our correspondents share their experiences and confrontations about educational inequalities, accessibility issues and influence of societal norms and structures. 

Corona Virus

2020 is a year different from others before - not least because of the Corona pandemic. The worldwide spread of a highly contagious virus is something that affects all of us in very different ways. To get a better picture of how the pandemic's plethora of explicit and implicit consequences influences our everyday life, we share lockdown stories from correspondents all over the world.

Growing Fast

Although we started just over a year ago, Correspondents of the World has a quickly growing community of correspondents - and a dedicated team of editors, translators and country managers.

69

Korrespondenten

79

Geschichten

40

Länder

200

Übersetzungen

Contact

Correspondents of the World is as much a community as an online platform. Please feel free to contact us for whatever reason!

Schreibe uns eine Mail

[email protected]

Schreibe uns eine Nachricht

WhatsApp

Rufe uns an

Joost: +31 6 30273938