Photos taken in Berlin by Zhihao Zhong

Was ich von den Obdachlosen lernte

Von Menschen zu direkt lernen, wie andere behandelt werden, ist auch eine Art Bildung. In dieser Geschichte erzählt Zhihao was er von Obdachlosen und Spendensammler in Deutschland lernte.
Germany, Western Europe

Eine Geschichte von Zhihao Zhong. Übersetzt von Veronica Burgstaller
Veröffentlicht am November 26, 2021.

Diese Geschichte ist auch verfügbar in GB



"Es ist kein Problem, mir kein Geld zu geben, aber es ist nicht nett, mich zu ignorieren", sagte ein Spendensammler, als ich mich mit ihm unterhielt. Kurz davor hatte ich ein Gespräch mit meinen Freunden. Wir ließen uns nicht weiter auf die Person ein, zum einen wegen der Sprachbarriere, zum anderen aber auch, weil es so üblich war in den Gesellschaften, in denen meine Freunde lebten, bevor sie nach Berlin kamen.

 Die Person bat mich, mir die Videos auf deren Telefon anzusehen. Es stellte sich heraus, dass sie nur Bilder austauschen und mir und meinen Freunden von den Vögeln, die in der Stadt leben, erzählen wollte. Sie versuchten, finanzielle Unterstützung für den Schutz der Vögel zu sammeln. Ich fand es zwar etwas willkürlich, aber auch schön, eine vorübergehende Verbindung mit jemandem zu haben, der vielleicht nicht immer die Aufmerksamkeit bekommt, die er verdient. 

 In China, wo ich herkomme, wird im Allgemeinen davon abgeraten, auf Menschen einzugehen, die auf der Straße um finanzielle Unterstützung bitten. Meine wenigen Versuche anderen zu helfen, endeten leider mit einigen Schwierigkeiten und Selbstzweifeln. Einige versuchten, Geld von mir zu erpressen, und andere schienen mich auszunutzen, indem sie mir Schuldgefühle einredeten. In den letzten zwei Jahren, in denen ich in Berlin lebe, habe ich jedoch festgestellt, dass viele Menschen mit den Zeitungsverkäufern in der Bahn sprechen. Mir ist auch aufgefallen, dass sich die Berliner um die Obdachlosen, die auf der Straße leben kümmern, und um diejenigen, die am Bahnhof um Spenden bitten. Ich habe gehört, wie manche Berliner sie fragten, ob sie etwas zu essen besorgen könnten. Andere boten an, den sogenannten Kältebus zu rufen, der die Menschen zu einer warmen Unterkunft bringen kann. Viele Menschen sammeln und spenden auch Kleidung oder einfach Geld.

Ich habe angefangen, viel über solche Interaktionen mit Fremden nachzudenken. Das erste Mal, dass ich mich intensiv damit beschäftigte, war, als ich in einem Podcast für meinen Deutschkurs etwas über Obdachlosigkeit hörte. Die Podcast-Episode war ein Interview mit einem Mann, der vor kurzem in eine Notunterkunft in München gezogen war. Der Befragte war aus beruflichen Gründen nach München gezogen, aber mit seiner Partnerin klappte es wegen der großen Entfernung nicht, so dass sie sich trennten. Er verstand sich nicht gut mit seinen Kollegen in der Arbeit und verlor schließlich seinen Job. Die Miete in München war zu hoch und er konnte sie nach seiner Entlassung nicht mehr leisten. So kam es, dass er auf der Straße lebte. 

Seine Geschichte war tragisch, jedoch sehr real. Ich dachte darüber nach, dass seine Erfahrungen jedem passieren könnten. Wir alle könnten in eine solche Situation geraten - von geliebten Menschen wegziehen, unsere Beziehungen und unseren Arbeitsplatz verlieren. Meiner Meinung nach hängt der Ausgang einer Geschichte davon ab, ob ein Mensch ein Polster hat, auf das er zurückgreifen kann, wenn die Dinge nicht so laufen wie erwartet. Einige von uns verfügen über reichlich Ressourcen, die uns unterstützen können, wenn wir in Not sind, aber das ist leider nicht bei allen der Fall. Dieser Podcast war für mich eine Lektion, Menschen, die auf der Straße um Spenden bitten und keine Wohnung haben, besser zu verstehen. Wir sind alle gleich sind und es gibt kein “Us” und “Them”. 

Falls hier jemand Einwand heben möchte, muss ich da noch sagen, dass es bestimmt auch solche geben wird, die meinen, “Diese Menschen brauchen das Geld nicht wirklich; sie könnten dafür arbeiten; das ist nur ein lukratives Geschäft, dass sie treiben ..."

Aber, so frage ich, ist es das Risiko wirklich wert, denjenigen nicht zu helfen, die es dringend nötig haben? Wenn ich auf der Straße stünde, würde ich dann moralisch verurteilt werden wollen, weil ich um Hilfe bitte, obwohl ich bereits in Not bin? Wir kennen die Geschichte der Person nicht. Es würde uns nicht schmerzen, eine kleine Spende zu geben, oder einfach nur einen freundlichen Blick schenken und vielleicht ein kurzes Gespräch führen. 

Ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Vor einiger Zeit sah ich am Bahnhof in der Nähe meines Hauses eine Frau mit einem verzerrten Gesicht, die sich mit Hilfe einer Krücke vorwärts bewegte. Ihre Kleidung schien nicht sauber zu sein. Ich habe sie angesprochen und gefragt, ob sie Hilfe braucht, und ihr einen Euro gegeben. Sie sprach dann weiter über Dinge, die ich mit meinen Deutschkenntnissen nicht leider alle verstehen konnte, und begann zu weinen. Ich konnte zu ihr nur sagen: "Das muss furchtbar sein" und "Es tut mir leid". Aber ich ahnte, dass sie einfach jemanden brauchte, der ihr zuhörte, und ich hoffte, dass sie auch merken würde, dass es Menschen gibt, die sich kümmern.

Wenn mich jemand auf der Straße anspricht, zögere ich immer noch und überlege im Stillen, ob ich dieses Mal helfen soll. Ich frage mich immer, warum es mir so schwer fällt, mich zusammenzufassen und denen einfach zu helfen. Aber wenn ich über die Lektionen aus diesen Begegnungen nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass ich zumindest immer versuchen könnte, zu verstehen und zu helfen.


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Zhihao Zhong (he/they) studies public policy in Berlin. He previously worked at a Chinese village school for two years and enjoyed his close contact with the nature there. Zhihao can’t take their eyes off feminism and intersectionality, but you may buy them off with good food or animals.

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