Picture by Zhihao taken in one of his classes

Chinesische Dörfer könnten auf Sexualerziehung vorbereitet sein

Ist es möglich, Schüler in einer Dorfschule in China Sexualkunde zu vermitteln? Man wird vielleicht überrascht sein, wie das möglich ist.

Eine Geschichte von Zhihao Zhong. Übersetzt von Veronica Burgstaller
China, Eastern Asia
Veröffentlicht am 25. Januar 2021

Lesedauer: 5 Minuten

Diese Geschichte ist auch verfügbar in GB cn tr



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Es wird oft die Annahme gemacht, dass angesichts der kontroversen Natur der Sexualerziehung in der chinesischen Mainstream-Kultur die Umsetzung auf dem Land schwieriger wäre als in den Städten. Dennoch kann sich niemand wirklich sicher sein, bis er es versucht.

Bei meinem ersten Versuch als entschlossener Lehrer in einer abgelegenen Dorfgrundschule in Meizhou[1], Südchina, wurde ich von peinlichem Geschrei der Drittklässler im Alter von etwa 9 Jahren empfangen. In der ersten Unterrichtsstunde sahen sich diese Kinder einen Zeichentrickfilm an, um zu lernen, wie Babys entstehen, und sah ihre heftige Reaktionen zu den Bilder von Genitalien. Sie schrien, verdeckten ihre Gesichter und klopften auf die Tische. Ich stellte mir vor, was für ein Desaster die zweite Sitzung werden würde, wo ich die Geschlechtsorgane vorstellen wollte.

Für die nächste Unterrichtsstunde war ich auf mögliche Störungen vorbereitet. Um solche so gut wie möglich yu vermeiden, entwarf ich ein Punktesystem[2], wo die "tollen Gruppen”, die sich die Namen der Geschlechtsorgane merken konnten, belohnt werden. Ich hoffte, dass die Natur der Kinder, die gerne Spiele und Belohnungen mögen, mir dabei helfen würde.

Lautes Sprechen und Aufschreien in der Klasse war unvermeidlich, aber dieses Mal wetteiferten die Schüler um die Namen der Organe. Sie baten sogar darum, das Video zu wiederholen, um sich die Namen einzuprägen. Ich war begeistert, tat aber so, als wäre ich ungerührt, als sie riefen: "Vagina! Vulva! Uterus!"

Wie ist das möglich in einer ländlichen Schule, in der man eher konservative Werte erwartet? Teach For China[3], das Programm, an dem ich beteiligt war, schickt Freiwillige in Dorfschulen, wo es oft an Lehrern mangelt. Bei der Arbeit in diesen Schulen genießen die meisten Lehrer ein hohes Maß an Autonomie. Ich konnte den Unterricht flexibel gestalten, obwohl ich überraschenderweise die Genehmigung des Schulleiters zum Thema Sex Ed einholte, wahrscheinlich weil ich vergessen hatte, "heikle" Details zu erwähnen.

Unerwarteterweise erhielt ich keinen Pushback von den Erziehungsberechtigten der Schüler. Die Mutter eines Schülers sagte mir, wie dankbar sie war, dass ich etwas behandelte, von dem sie nicht wusste, wie sie es ansprechen sollte. Ich hatte keine Ahnung, worauf sie sich bezog, bis ihre 8-jährige Tochter vorbeikam und "Menstruation" erwähnte, ein Wort, das die Eltern nicht bequem aussprechen konnten. Das erinnerte mich daran, dass der fehlende Widerstand gegen Sexualkundeunterricht der mangelnden Bereitschaft der Schüler geschuldet war, das Thema zu Hause zu besprechen. Auch wenn Sexualkunde in der Schule gefördert wurde, war es in den Familien immer noch ein sensibles Thema.

Während des zweijährigen Programms nutzte ich jede Gelegenheit - als Vertretungslehrer für meine Kollegen oder als Lehrer für Naturwissenschaften[4] - um Sexualkunde zu unterrichten. Ich schaffte es, alle sechs Klassenstufen zu unterrichten. Die Schüler meiner regulären Klasse erhielten eine vollständige Sexualerziehung, die sexuelle Übergriffe, Geschlechtsmerkmale wie feuchte Träume und Menstruation sowie die Gleichstellung der Geschlechter umfasste. Ich verwand Geschlechteretiketten auf der Tafel, auf denen ich geschlechtsspezifische Aussagen aufgeschrieben hatte, so dass die Kinder lernten, Stereotypen zu erkennen und zu hinterfragen, wie zum Beispiel die Stereotype, dass Frauen die Hausarbeit übernehmen sollen.

Unsere Schulbücher enthielten unzählige geschlechtsspezifische Aussagen. In ihrer Englischstunde, in der sie die Begriffe 'Junge' und 'Mädchen' lernten, zeigte ich anatomische Bilder, um ihnen beizubringen, dass Kleidung nur eine Möglichkeit ist, sich auszudrücken, aber nicht unbedingt auf das Geschlecht hinweist. Ich wusste, dass die Lektion effektiv war, weil sie die Frisuren und Kleidungsfarben der anderen Schüler mehr berücksichtigten.

Es war wirklich nicht so schwierig, zu versuchen. Sensible Themen können einfacher werden, wenn wir sie besprechen. Sensibilität verblasst, wenn man sich ihr ausgesetzt ist und sie wiederholt. Mit der Zeit fühlten sich meine Schüler wohl dabei, über das zu sprechen, was sie gelernt hatten. Ich frage mich, ob das irgendwelche Auswirkungen auf andere Veränderungen hat, zum Beispiel auf den politischen Diskurs im Land. Mal sehen.


[1] Meizhou liegt im Nordosten der Provinz Guangdong in Südchina, an der Grenze zur Provinz Fujian in einer bergigen Gegend.

[2] Für Studienleistungen oder die Bereitschaft, anderen zu helfen, erhalten die Studenten Punkte, mit denen sie Schreibwaren und lustige Spiele "kaufen" können, die von mir und meinen Spenderfreunden bereitgestellt werden.

[3] Teach for China ist ein Programm, das Freiwillige zu einem zweijährigen Unterricht in Dorfschulen sendet.

[4] Aufgrund des Personalmangels in den Dorfschulen decken die Lehrer oft auch andere künstlerische und naturwissenschaftliche Fächer ab.


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Zhihao Zhong

Zhihao Zhong

Zhihao Zhong is currently a Master of Public Policy candidate at the Hertie School in Berlin. He previously worked at a Chinese village school for two years through the Teach for China program. Zhihao can’t take his eyes off feminism and intersectionality, but you may buy him off with good food or animals.

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