Gateway of India by Bhamidipati Bharati

Zwei Auswanderungen in vier Generationen und doch keine Identitätskrise?

Trotz der Konflikte, welche die zweifache Abwanderung innerhalb von vier Generationen verursacht haben, überwiegen für mich persönlich die Vorteile der Zweikulturalität.

Eine Geschichte von Shakila Dhauntal. Übersetzt von Serap Güngör
Netherlands, Western Europe
Veröffentlicht am 11. August 2020

Lesedauer: 5 Minuten

Diese Geschichte ist auch verfügbar in GB nl



Höre Dir diese Geschichte an:


 

Es wird angenommen, dass die surinamisch-indische Gemeinde, die hart gearbeitet hat, um ein schönes Leben für sich aufzubauen, gut in die niederländische Gesellschaft integriert ist. Doch wenig ist bekannt über ihre versteckten inneren Konflikte, die bis heute andauern. Zweifelsohne haben zwei Auswanderungen innerhalb von vier Generationen ihre Spuren hinterlassen. 

Um einen Weg aus der Armut zu finden, zogen einige Inder zwischen 1873 und 1916 nach Surinam und arbeiteten dort als Vertragsarbeiter auf Agrarfeldern. [1] Als 1975 Surinam seine Unabhängigkeit erklärte, emigrierten die Nachfahren der ersten Generation wegen politischer Instabilität in die Niederlande [2] und erlebten damit zwei Traumata zugleich: Zweimal verließen sie ihre Familien und zweimal versuchten sie sich in eine neue Gesellschaft einzugliedern. Dies führte dazu, dass viele Migranten sich von ihrer Vergangenheit und ihren Gefühlen abschotteten.

Ich bin in den Niederlanden geboren und stamme aus einer surinamisch-indischen Familie. Meine Schulbildung war ein Abbild meiner gemixten Identität: Ich wurde im niederländischen Schulsystem unterrichtet und besuchte gleichzeitig indischen Musik-, Tanz- und Religionsunterricht, so als würde ich in eine indische Grundschule gehen. In der Sekundärstufe begann ich Unterschiede zwischen der niederländischen Kultur und der Kultur, die ich zu Hause ausgesetzt war, wahrzunehmen. Während zum Beispiel kritisches Denken im niederländischen Schulsystem hochangesehen war, waren meine Eltern zu Hause nicht immer in der Lage mir Antworten zu kritischen Fragen zu geben. Denn die indische Kultur hatte sie gelehrt, die Ereignisse im Leben so zu akzeptieren, wie sie kamen. Aufenthalte in niederländischen Haushalten zeigten mir zudem, dass zwischen beiden Kulturen sowohl kleine Unterschiede, wie das Betreten der Wohnung mit Schuhen, als auch eine große Kluft in bestimmten Bereichen herrschte. So genossen meine Klassenkameraden Vorteile bei der Arbeitssuche, indem sie das Network ihrer Eltern ausnutzten. Mir wurde klar, dass von mir, als zweikulturelle Person, erwartet wurde, mich den Umständen anzupassen und mich zu überwinden d. h. das Spiel mitzuspielen trotz der Verhältnisse, die gegen mich sprachen. 

Es ist schwierig ein Gleichgewicht zwischen zwei Kulturen zu finden, die sich in ihren Werten und Normen so extrem unterscheiden. Zum Beispiel ist Bescheidenheit eine hoch angesehene Eigenschaft in der indischen Kultur, während in den Niederlanden diese eher als Inkompetenz wahrgenommen wird. Die gegensätzlichen Wertvorstellungen zwingen mich ständig zwischen zwei Kulturen – die dominante niederländische Kultur, die von Freiheit, Offenheit, Individualismus geprägt ist und die Surinam-indische Kultur, bei der sich vieles um Freiheitsbegrenzung, Zurückhaltung und Kollektivismus dreht – hin- und herzubewegen. Diese Spannung zwischen den beiden Kulturen führt oft zu Debatten bezüglich der Wahrung der Tradition, Religion und Sprache, wodurch jüngere Generationen unter immensem Druck stehen die Erwartungen ihrer Familien zu erfüllen. Dieser Konflikt spiegelt sich deutlich in hohen Selbstmord- und Selbstmordversuchsraten, Drogenabhängigkeit und Depression. [3]

Trotz der Konflikte, welche die zweifache Abwanderung innerhalb von vier Generationen verursacht haben, überwiegen für mich persönlich die Vorteile der Zweikulturalität. Ich kann leckeres Essen und Musik aus drei verschiedenen Regionen der Welt genießen, mehrere Sprachen verstehen und habe eine Familie im Ausland. Doch die größten Vorteile, die mich stets überall begleiten, sind interkulturelles Wissen, Respekt für den Glauben der Menschen, Verständnis für ihre Ansichten und die Fähigkeit subtile kulturelle Hinweise in kulturell unterschiedlichen Lebenswelten wahrzunehmen. Mit diesen Fähigkeiten übernehme ich so wie viele zweikulturelle Menschen eine Brückenfunktion zwischen Menschen und Orten. Doch fühle ich auch eine Kluft im Bewusstsein der niederländischen Gesellschaft, die das monokulturelle niederländische Menschenbild als Standard wahrnehmen. Die Niederlande hat eine reiche Migrationsgeschichte, weshalb für zwei-(oder drei) kulturell aufgewachsene Menschen Anerkennung im Bildungs- und Berufsleben sowie in allen anderen Sektoren gezollt werden sollte. 


[1] Surinam ist ein Staat in Südamerika, der zwischen Guyana und Französische Guyana liegt und seine Grenze mit Brasilien teilt. Surinam war zwischen 1667 und 1975 eine Kolonie der Niederlande. In 1863 wurde die Sklaverei in Surinam abgeschafft. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde die Feldarbeit von afrikanischen Sklaven gemacht. Doch aufgrund der Arbeiterknappheit nach der Abschaffung der Sklaverei begann die Niederlande Feldarbeiter aus Britisch-Indien, Niederländisch-Indien (hauptsächlich aus Java) und China zu rekrutieren. Zwischen 1873 und 1916 emigrierten etwa 34 000 Inder nach Surinam. Ein Drittel dieser Gruppe wanderte zurück nach Indien, nachdem ihr Arbeitsvertrag beendet wurde. Bezüglich der Populationsgröße sind Inder (auf Niederländisch: Hindostanen) die größte ethnische Gruppe in Surinam. Weiter ethnische Gruppen sind Kreolen, Javaner, Maroons und Chinesen.

Choenni, C. (2011). Integratie Hindostani stijl : Over de migratie, geschiedenis en diaspora van Hindostanen. Amsterdam: Vrije Universiteit.

[2] Aufgrund der wachsenden Spannungen zwischen den ethnischen Gruppen vor der Unabhängigkeit Surinams sowie der Ungewissheit über die Zukunft des Landes emigrierten viele Menschen in die Niederlande. Mit Stand vom Mai gibt es rund 355 000 holländische Surinamesen (erste und zweite Generation), die in den Niederlanden leben (CBS, Statline).

https://www.cbs.nl/nl-nl/dossier/dossier-asiel-migratie-en-integratie/hoeveel-mensen-met-een-migratieachtergrond-wonen-in-nederland-

[3] Untersuchungen zeigen, dass im Vergleich Migranten mit indischer Herkunft eine überdurchschnittlich hohe Suizidrisiko vorweisen als andere nicht-westliche Migranten aus den Niederlanden. Die Ergebnisse zeigen, dass Frauen unter 35 Jahren hohe Suizidzahlen vorweisen, und für Männer unter 35 Jahren, sowiezwischen 35 und 55 Jahren. Gemäß der Studie sind für Frauen die Gründe dafür folgende: unflexible Familientraditionen, begrenzte Freiheit bei der Formung von Liebesbeziehungen, straffe soziale Kontrollen unter der Bedrohung von der Familie ausgeschlossen zu werden und Familienstreitigkeiten. Für Männer sind die Gründe fehlender Ausdruck von Emotionen, fehlende Erziehung in Bezug auf Frustrationstoleranz während der Kindheit sowie mangelnder Erfolg und Unfähigkeit Ziele zu erreichen angesichts des Erfolgsdrucks. Letzteres kann in impulsives Verhalten, Alkohol- und Drogenkonsum und Aggression resultieren. Im Vergleich zu Frauen erfreuen sich Männer mehr Freiheit und sind weniger eingeschränkt ihre Träume zu verfolgen.

Garssen, M. J., Hoogenboezem, J., & Kerkhof, A. J. F. M. (2007). Zelfdoding onder Nederlandse Surinamers naar etniciteit. Tijdschrift voor Psychiatrie49(6), 373-381.

 


Was macht diese Geschichte mit dir?

Folge Uns auf Social Media

Unterhalte Dich über diese Geschichte

Please enable cookies to view the comments powered by Disqus.

Subscribe

Melde Dich an für unseren monatlichen Newsletter und bleibe up-to-date mit neuen Geschichten auf Correspondents of the World.

* indicates required

Shakila Dhauntal

Shakila Dhauntal

Shakila has finished her studies in BA International Studies and MSc Public Administration. She has visited more than thirty countries over the world from Cuba to China and has lived in Dubai. Shakila is passionate about international development challenges regarding poverty, education, food production, and women empowerment. In these areas, she likes to contribute to creating opportunities that help people to grow and flourish. In line with her creative nature, she dances Kathak (Indian classical dance) and hip-hop, loves to paint, and works on improving her photography skills in her free time. Oh, and she loves bonding over food with friends and family. Read more from Shakila on her blog, Our Shakti

Mehr Geschichten auf Deutsch

> Syrian Arab Republic
Gedanken über die Migration

A story by Kamelia Khalil

Über meine schönen Kindheitserinnerungen hinaus ging ich als Erwachsener nach Syrien, um mein Recht auf Bewegungsfreiheit auszuüben.

> Read More


> Mexico
Als Frau in Südkorea und Mexiko

A story by Olga Mata

Ich war schockiert, als mir klar wurde, dass die Behörden in Mexiko niemals solch eine Stellungnahme nehmen würden, wie es die koreanische Regierung jetzt tat.

> Read More


> The United States
Leaving the American Dream: Die Welt, aus der ich komme, und die Welt, die ich mein Heimat nenne

A story by Kiri Wihongi-Croxford

Ich komme aus einer Familie mit sehr verschiedenem kulturellem Hintergrund, und es fällt mir schwer, einen Ort zu finden, wo ich mich richtig wohl fühlen kann.

> Read More


Alle anzeigen

Mach mit

At Correspondents of the World, we want to contribute to a better understanding of one another in a world that seems to get smaller by the day - but somehow neglects to bring people closer together as well. We think that one of the most frequent reasons for misunderstanding and unnecessarily heated debates is that we don't really understand how each of us is affected differently by global issues.

Unser Ziel ist es, dies zu verbessern - und zwar mit jeder Geschichte, die wir teilen.

Teile Deine Geschichte

Community Weltweit

Correspondents of the World is not just this website, but also a great community of people from all over the world. While face-to-face meetings are difficult at the moment, our Facebook Community Group is THE place to be to meet other people invested in Correspondents of the World. We are currently running a series of online-tea talks to get to know each other better.

Werde Teil unserer Community

ERKUNDE THEMA Migration

> Iran
I Wish Home Was a Better Place to Live In

A story by Noosha

Immigration is difficult. Being away from family and friends, learning a new language and always being a second-class citizen (especially if you are from the Middle East). And if you get old, starting again from nothing.

> Read More

Or read it in de es kr

> Turkey
So Far No Matter How Close

A story by Merve Vardarli

Throughout years migration has become the epicenter of our lives. What does it mean to become an immigrant?

> Read More

Or read it in de kr

Fortunat Miarintsoa Andrianimanana
> Madagascar
Every Passport Has A Story

A story by Fortunat Miarintsoa Andrianimanana

Despite this huge unfairness, because nobody chooses a particular passport at birth, some people have to go through it.

> Read More

Or read it in de es tr

> South Korea
An Alien From the Same Planet

A story by Veronica Burgstaller

It has to be remembered that through all these moving places, I stayed the same person, I had my Austrian passport, I was half Austrian and half Indonesian: yet in Indonesia, I may have been an expat, in England an immigrant, in Korea - a constant struggle to become somewhat included. It is clear that the power as to who I am is not in my hands.

> Read More

Or read it in de kr tr

> Norway
Dialogue with Refugees in Norway

A story by Lene Mortensen

Anti-refugee politics is on the rise all over the world, but we can counter this trend by daring to ask questions and get to know those who are being spoken about.

> Read More

Or read it in de es tr

> Chile
Being a Migrant in Chile

A story by Juan Carlos Pérez Jerez

To be an immigrant in Chile means that you migrate all day, every day.

> Read More

Or read it in es

Global Issues Through Local Eyes

We are Correspondents of the World, an online platform where people from all over the world share their personal stories in relation to global development. We try to collect stories from people of all ages and genders, people with different social and religious backgrounds and people with all kinds of political opinions in order to get a fuller picture of what is going on behind the big news.

Our Correspondents

At Correspondents of the World we invite everyone to share their own story. This means we don't have professional writers or skilled interviewers. We believe that this approach offers a whole new perspective on topics we normally only read about in the news - if at all. And in case you wondered: Everyone includes you as well. Do you have a story to share? Reach out to us and let us know!

Share Your Story

Our Community

Although we just started a few months ago, we already have a great community of people from all over the world. While face-to-face meetings are difficult at the moment, our Facebook Community Group is THE place to be to meet other people invested in Correspondents of the World. We are currently running a series of online-tea talks to get to know each other better.

Join Our Community

Vision

At Correspondents of the World, we want to contribute to a better understanding of one another in a world that seems to get smaller by the day - but somehow neglects to bring people closer together as well. We think that one of the most frequent reasons for misunderstanding and unnecessarily heated debates is that we don't really understand how each of us is affected differently by global issues.

Our aim is to change that with every personal story we share.

Topics

We believe in quality over quantity. To start off with, we collect personal stories that relate to our correspondents' experiences with five global topics:

Environment

Discussions about the environment often center on grim, impersonal figures. Among the numbers and warnings, it is easy to forget that all of these statistics actually also affect us - in very different ways. We believe that in order to understand the immensity of environmental topics and global climate change, we need the personal stories of our correspondents.

Gender

Gender is the assumption of a "normal". Unmet expectations of what is normal are a world-wide cause for violence. We hope that the stories of our correspondents will help us to better understand the effects of global developments related to gender and sexuality, and to reveal outdated concepts that have been reinforced for centuries.

Migration

Our correspondents write about migration because it is a deeply personal topic that is often dehumanized. People quickly become foreigners, refugees - a "they". But: we have always been migrating, and we always will. For millions of different reasons. By sharing personal stories about migration, we hope to re-humanize this global topic.

Liberation

We want to support the demand for justice by spotlighting the personal stories of people who seek liberation in all its different forms. Our correspondents share their individual experiences in creating equality. We hope that for some this will be an encouragement to continue their own struggle against inequality and oppression - and for some an encouragement to get involved.

Corona Virus

2020 is a year different from others before - not least because of the Corona pandemic. The worldwide spread of a highly contagious virus is something that affects all of us in very different ways. To get a better picture of how the pandemic's plethora of explicit and implicit consequences influences our everyday life, we share lockdown stories from correspondents all over the world.

Get Involved

We believe that every single personal story contributes to a better understanding of the complex world we live in - and the people we share it with. That includes yours! We would be really happy if you would like to share your story, too, and join our community.

Share Your Story

Growing Fast

Although we started just over a year ago, Correspondents of the World has a quickly growing community of correspondents - and a dedicated team of editors, translators and country managers.

52

Correspondents

63

Stories

38

Countries

127

Translations

Contact

Correspondents of the World is as much a community as an online platform. Please feel free to contact us for whatever reason!

Message Us

Message on WhatsApp

Call Us

Joost: +31 6 30273938