Liberate Hong Kong, revolution of our times by Diana Chan

Zuhause - Hong Kong

Als ich Hong Kong verließ, um weiter zu studieren, hatte ich niemals heimweh. Schließlich war die gute alte Heimat, auf mich wartend, unveränderlich, nur ein Flug weg. Das ist, bis mein Zuhause krank wurde.

Eine Geschichte von Andy Lee. Übersetzt von Veronica Burgstaller
Hong Kong, Eastern Asia
Veröffentlicht am 1. September 2020

Lesedauer: 5 Minuten

Diese Geschichte ist auch verfügbar in GB



“Vermisst du dein Zuhause?” fragten mich Freunde als ich Hong Kong verließ, um weiter zu studieren. Hatte ich niemals heimweh. Schließlich war die gute alte Heimat, auf mich wartend, unveränderlich, nur ein Flug weg.

Das ist, bis mein Zuhause krank wurde. 

Ich verfolgte wie Hongkong in den vergangenen 12 Monaten entstellt wurde: Schlagzeilen, Fotos, Livestreams, alle stellten die offensichtliche Zerstörung der Demokratie dar[1]. Über zwei Millionen Menschen marschierten in der zweiten Massenprotestbewegung dieses Jahrzehnts und die größte in der Geschichte Hongkongs - nur um ihre Grundrechte ignoriert, entkleidet und kriminalisiert aufzufinden. Ich erkannte meine Stadt, in der ich aufgewachsen war, nicht wieder und mir wurde klar, dass ich nun wirklich heimweh hatte. Und dieses Mal gibt es keine Straße [kein Non-Stop Flug] der mich "nach Hause bringen kann, zu einer Heimat, wo ich hingehöre". Die Landebahn ist die harte Realität, dass mein Zuhause im Sterben liegt.

Ich bin nicht der Einzige, der sich krank fühlt. Heimweh ist in Hongkong eine Epidemie. Einst ein Verfechter der Meinungs- und Versammlungsfreiheit, ist die Stadt heute kalt, grausam, unheilbar krank und sein Lebensblut weggesaugt. Dies ist Heimweh, wie es schlimmer nicht gibt. 

Ein Kind der 90er Jahre, gehöre ich zur letzten Generation britischer Hongkonger, welche vor der Übergabe an das chinesische Festland im Jahr 1997 geboren wurde. Wir wuchsen mit der Unsicherheit als unser Nachbar auf: die Nostalgie über den Abschluss eines historischen Kapitels und die Vorfreude auf 50 Jahre der Autonomie unter dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme"[2]. Ich habe in der Mittelschule gepaukt für Prüfungen, Textbücher über Gewaltenteilung, Regierung durch das Volk, und Rechtsstaatlichkeit verschlungen - Konzepte, die 15-jährige Bürger wie ich für die Zukunft unserer Stadt benötigten (zweifellos wurden diese Konzepte jetzt aus dem Lehrplan gestrichen). Im Rückblick hielten viele von uns diese Zukunft naiverweise als selbstverständlich  - diese erwünschte Realität wurde uns nun von den Plänen der Chinesischen Regierung verweigert.

Nach einem kurzen Zeitraums des Friedens, verschlechterte sich die Beziehung. Der freundliche Händedruck von Peking, verwandelte sich in ein übermäßig intimes Händchenhalten, das alles Leben aus der Stadt ausquetschte[3]. Ein Jahrzehnt lang von Protesten erreichte dieses Jahr den Höhepunkt, als das Gesetz zur nationalen Sicherheit die Verfassung der Stadt außer Kraft setzte, und damit das Schicksal besiegelte. Alles was nun bleibt, ist eine schwach werdende Demokratie. Hong Kong, einst eines der sichersten Städten der Welt, ist nun ein de-facto Polizeistaat - 9200 wurden gefangengenommen, 2600 verletzt, und unzählige “Suiziden”.

Als ich von der Ferne zuschaute, fühlte ich zuerst Schmerz, dann Taubheit. Wut wandelte sich zu wortlosen Seufzern. So blätterte ich durch die Newsfeeds: zu Gefängnis verurteilte Demonstranten, Regierungsbeamten, die unverschämt Lügen ausspuckten. Aber ich lebe ja zwölf Zeitzonen entfernt von dem Chaos. Wer bin ich, den Mut zu verlieren, wenn diejenigen, die den größten Mut haben, meine Freunde aus der Kindheit sind, die in Hong Kong sich der Polizei stellen? Wer bin ich, der die Hoffnung aufgibt, wenn meine Leute Zuhause ihre Zukunft, ja, sogar ihr Leben, aufs Spiel setzen? 

Hoffnung beginnt, wenn wir das, was wir vermissen, nicht loslassen. Mein Zuhause - Hong Kong hat Schmerzen, es ist am Sterben, aber unsere Identität als Hongkongers gibt uns Immunität. Wir können standhalten, solange Hongkong weiterhin in unseren Herzen ist. Wir kämpften gegen die Unterdrückung und der Ungerechtigkeit mit Regenschirmen, Helmen, Gasmasken und unsere eigenen Geschichten. Selbst wenn unsere Heimat entwurzelt wird, verweigern wir eine Regierung, die nicht auf die Stimme der Menschen hört. Letztendlich, sind es die Menschen von Hong Kong welche der Krankheit unseres Zuhauses nicht unterliegen werden.

Zusammen heilen wir sie.


Fußnoten

[1] Hong Kong mourns the end of its way of life as China cracks down on dissentNational Geographic Story by Laurel Chor (September 1st, 2020) https://www.nationalgeographic.com/history/2020/09/hong-kong-mourns-way-life-china-cracks-down-dissent/

[2] Das “Ein Land, Zwei Systeme” ist ein Verfassungsgrundsatz von Hongkong (und Macao) als Sonderverwaltungszone nach seiner Übergabe an China im Jahr 1997. Nach diesem Prinzip konnte die Sonderverwaltungszone Hongkong ihr eigenes Regierungs-, Rechts-, Wirtschafts- und Finanzsystem, einschließlich der Handelsbeziehungen mit dem Ausland, 50 Jahre lang bis 2047 unabhängig von der Volksrepublik China weiterführen. "Pferderennen werden weitergehen, und die Nachtclubs bleiben geöffnet" war in den 1980er Jahren ein populäres Zitat in Hongkong, das angeblich den reibungslosen Übergang der Souveränität Hongkongs von den Briten auf das chinesische Festland symbolisierte. In Wirklichkeit war die Autonomie, die Hongkong genoss, von kurzer Dauer.

[3] Seit 1997 hat Peking mehrfach und schrittweise politische Gesten unternommen, um die Kontrolle über die Stadt auszuweiten. Nach den 2010er Jahren wurden diese Fortschritte jedoch viel direkter. Im Jahr 2014 versuchte die Regierung Hongkongs unter dem Druck Pekings, eine pseudodemokratische Wahl des Chefs der Exekutive durchzuführen, bei der nur vorab ausgewählte Kandidaten zugelassen wurden. Dies löste die stadtweite Regenschirm-Bewegung (Umbrella Movement) aus, bei der große Teile der Stadt von friedlichen Demonstranten mit Regenschirmen besetzt wurden - nach drei Monaten endete dies jedoch in Bitterkeit und Frustration. Im Sommer 2019, als ein Auslieferungsgesetz, das es den Behörden des Festlands effektiv erlaubt, politische Verdächtige über die juristische Souveränität hinweg auszuliefern, seinen Weg in die Legislative erzwang, verlor die Bevölkerung keine Zeit, um einen weiteren Aufschrei zu mobilisieren. 


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Andy Lee

Andy Lee

Hi there, I’m Andy, a 28-year old Hongkonger who loves nature, playing music, travelling, memes, and cats—their existence alone sparks joy. There are a lot of things I love about being a wildlife conservationist: my office is out in the sea, savannah, and rainforest; my coworkers include dolphins, snow leopards, elephants, and cheetahs; and I get to meet many passionate and inspiring friends and colleagues who are dedicated to saving the environment. I completed my graduate studies in the US, and I am now a conservation scientist in Washington, DC focusing on conservation technologies and climate change research. Being abroad has exposed me to many great new experiences personally and professionally, but Hong Kong is and will always be my home.

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